Ich muß ja zugeben, ich hatte mich darauf gefreut, den Kräuterlikör zu probieren, von dem Rain so geschwärmt hatte. Allein der Ansatz weckte schon Erinnerungen, und als der Likör dann schließlich fertig war …
Schweden vor etlichen Jahren. Wir hatten in einer größeren Gruppe Urlaub geplant und gebucht und eine hübsche kleine Ferienhaussiedlung fast komplett besetzt. Unerfreulicherweise hatte ich mich kurz vor der Reise von dem Damaligen getrennt; und er wollte um keinen Preis mit irgendjemandem aus den anderen Häusern tauschen, so daß es täglich Ungemach gab.
Eines Abends saßen wir in geselliger Runde in unserem Häuschen beieinander, noch einige Freunde aus den umliegenden Häusern waren dabei, und die Hütte war gerammelt voll. Getränke wurden herumgereicht, auch dem guten Angesetzten, den ich mitgebracht hatte, wurde reichlich zugesprochen, und das Einzige, was die Stimmung ein wenig trübte, war der mißmutige Damalige, der nicht wirklich dabei, aber offenbar auch nicht wirklich woanders sein wollte.
In einem aberwitzigen Anfall von Trotz und Größenwahn ließ ich mich auf eine Wette ein, ob ich es schaffen würde, einen Becher meines Angesetzten in einem Zug auszutrinken. Das war kein Problem für mich, es war ja MEIN Angesetzter, an dessen Rezeptur ich so lange gefeilt hatte, bis er mir in jeder Phase der Einnahme ein Genuß war. Allerdings hatte ich ihn nie zuvor in solchen Mengen eingenommen, und als er nach und nach seine volle Wirkung entfaltete, stellte ich fest, was für eine wirklich idiotische Idee diese Wette gewesen war. Zwar hatte ich im Anschluß wohlweislich nur noch Alkoholfreies getrunken, aber der Schaden war getan.
Irgendwann meldete sich die Blase und forderte Entleerung; und als ich aufstand, um die Örtlichkeiten aufzusuchen, mußte ich feststellen, daß der Fußboden in heftige Schlingerbewegungen geraten war. Und während ich mit dem schwankenden Boden um mein Gleichgewicht rang, überschlug ich, wie groß meine Chancen seien, unfallfrei zu meinem Platz zurückkehren zu können. Ich kam zu der Erkenntnis, daß das wohl kaum ohne erheblichen Verlust von Gesicht und Selbstachtung stattfände und verabschiedete mich mit einem vernehmlichen „Hicheyedammallafn!“
Die Bewegung – sowohl meine als die des Bodens – hatten mir gar nicht gutgetan. Auf der Toilette angekommen, wünschte neben der Blase auch der Magen sich seines Inhalts zu entledigen. Ich sah mich also mit der Notwendigkeit konfrontiert, trotz heftiger Bodenbewegungen für Reinigung zu sorgen, damit wer auch immer als nächstes das Örtchen besuchte nicht unangenehm überrascht war, fragte mich dabei, wie es Menschen geben kann, die diese Form der Entleerung freiwillig wählen, und war am Ende ganz zufrieden mit meinem Werk. Irgendwie schaffte ich es auch noch mit Anstand in mein Bett – nur um dann festzustellen, daß es nebst Haus zu rotieren begann. Rechts herum übrigens. Die Frage, ob es in Australien anders herum rotieren würde, lenkte mich nicht wirklich ab, aber meine übergroße Abneigung gegen Übergeben sorgte dafür, daß alles, was noch in mir drin war, auch dort blieb; und irgendwann schaffte ich es tatsächlich einzuschlafen.
Am nächsten Morgen wurde ich leise umsorgt. Völlig unnötigerweise, denn mal abgesehen von mangelndem Appetit gab es keine Folgen.
So etwas ist mir seither nicht wieder passiert. Besonders irritierend empfand ich den weitestgehenden Verlust der Kontrolle meiner Motorik bei gleichzeitig glasklarem Denken. Es war so erschreckend, daß ich diesen Zustand nicht noch einmal erleben möchte. Daher, lieber Rain danke ich Dir für das Rezept, aber ich kann das einfach nicht zu mir nehmen.
Was meine Kollegen im Übrigen sehr gefreut hat.
cu ruadh - 30. Aug, 12:50
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Über die Weiden geschaut
Während der Peerstall eigentlich Urlaub hatte (oder was der angestellte Mensch so nennt), haben Cu und Sohn eine neue Versuchsreihe aufgelegt. Denn der Nachbar hat Kühe und ist willens und in der Lage, einige Liter abzugeben.
Nun wissen wir, daß frisch gemolkene Milch merkwürdig riecht, wie viel entrahmte Milch übrig bleibt, wenn man den Rahm abschöpft, wie schnell der Rahm sauer wird, wie man Butter draus macht und daß man aus nicht entrahmter Milch keinen brauchbaren Joghurt machen kann. Wir können inzwischen pasteurisieren und essen Mengen von Quark. Und am Wochenende wissen wir dann auch, wie der erste selbst gemachte Käse schmeckt.
cu ruadh - 18. Aug, 13:23
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Aus der Hexenküche
Ostfriesland erleben ist wie eine Reise in die Vergangenheit machen. Oder in den Mittleren Westen der USA, wo die Leute seltsam reden, sich seltsam verhalten, seltsam aussehen und völlig überdimensionierte Autos mit jeder Menge überflüssigem Zeugs dran fahren. Hier reden die Leute Platt (und anscheinend jeder eine andere Variante), haben merkwürdige Gewohnheiten, manche sehen merkwürdig aus, und alle fahren bevorzugt die Marke mit dem Stern vorne dran, gern auch Geländewagen, zumindest aber irgendwas mächtig Aufgebretzeltes, was so aussieht wie die kleinen Autos aus Need for Speed. Was sie anstelle der Pumpgun mit sich führen, entzieht sich allerdings meiner Kenntnis.
Hier ist vieles so, wie ich es aus meiner Kindheit in Erinnerung habe: die ausufernden Saufereien, der exzessive Tabakkonsum, der eher unbekümmerte Umgang mit Natur und Ressourcen, die Mode für Mensch und Haus … Hier gibt es noch die kleinen Lädchen mit abenteuerlichem Sortiment, wo man auch mal sein Portemonnaie vergessen haben kann. Oma und Opa wohnen so lange mit „aufm Altenteiler“, wie es geht, die Kinder purzeln hier nach den Hausaufgaben wie zu meinen Kinderzeiten aus dem Haus, um sich mit den Nachbarszwergen zu treffen, und die Aufgabenverteilung zwischen Mann und Frau sind sehr traditionell. Eben ganz wie in der guten alten Zeit.
Kein Wunder, daß die Leute hier gern Urlaub machen.
cu ruadh - 29. Jul, 09:06
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Land und Leute
Liebe Familie,
ich sehe ja ein, es sind Ferien. Da leiden manche von Euch etwas unter Langeweile und wissen nichts mit sich anzufangen; und manche finden es einfach sch…auderhaft, daß die anderen zu Hause sitzen dürfen, während man selbst jeden Tag ins Büro schleichen muß.
Aber mal ganz ehrlich, was kann ich denn dafür!?
Was habe ich denn getan, daß Ihr mich jetzt als Puffer, Rammbock, Frusteimer und Prügelknabe benutzt?
Liebes Tochterkind, Du hast nicht die leiseste Vorstellung davon, wie unendlich leid es mir tut, daß Du nicht wie Wendy Thorsteeg auf Gut Rosenborg lebst, sondern nur bei uns, Deinen in jeder Beziehung minderbemittelten Eltern, auf einem runtergewirtschafteten Pferdehof mit einem – Deinen! – jungen Pferd, das so gern mit Dir arbeiten würde. Wenn Du es denn nur wolltest. Ich bedaure es aus tiefstem Herzen, nicht Zeit und Geld im Überfluß zur Verfügung zu haben, um Dich durch die Weltgeschichte zu fahren, Dir überflüssige Dinge zu kaufen, Leute für die Arbeit einzustellen und die Zeit so totzuschlagen, wie Du es gern hättest (by the way, wie hättest Du es denn gern?). Leider muß ich für das Geld arbeiten, das Du so großzügig zum Fenster rauswerfen magst, was meine freie Zeiteinteilung etwas behindert. Ganz ehrlich, Dich so leiden zu sehen, bricht mir das Herz.
[Ironiemodus off]
Liebster Schatz, Kinder zu haben war Dein allergrößter Wunsch. Meiner nicht so. Warum muß ich das jetzt ausbaden? Ich verstehe ja, daß Dich die kleine Kröte mit ihren unverschämten Forderungen und Beleidigungen nervt. Es geht mir übrigens nicht viel anders. Am liebsten würde ich sie übers Knie legen und tüchtig verhauen; mein zivilisiertes, zurückhaltendes Wesen verbietet mir das leider. Aber mich jetzt vorzuschieben und zu verkünden „ich rede mit dem Gör nur noch das Allernötigste“, wo Du genau weißt, daß ich mit ihr keine gemeinsame Basis habe, weder der Kommunikation noch sonst irgendeine – das finde ich in höchstem Maß unfair. Du verpieselst Dich, und ich muß das irgendwie hinbekommen. Vielen Dank dafür.
Lieber Sohn, Du gerätst da jetzt gerade irgendwie zwischen die Fronten. Das hast Du nicht verdient, vor allem, wo Du seit geraumer Zeit wirklich bemüht bist, ein hilfreiches und unverzichtbares Mitglied der Gemeinschaft zu sein. Laß uns einfach ein Eis essen fahren oder eine Pizza oder am besten machen wir uns irgendwo einen schönen Tag. In Hamburg war ich lange nicht und Du glaube ich noch gar nicht. Eis gibt es da übrigens auch.
cu ruadh - 27. Jul, 13:34
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Privat!
Irgendwann in der Frühe geweckt von des Schatzes Schlafgeräuschen („Ich schnarche nicht. Ich atme laut!“), sorgen der zunächst latent vorhandene Drang zum Örtchen und ein unruhiger Spitz dafür, daß ich nicht wieder einschlafen kann. Wenn ich mich jetzt bewege, fängt der Spitz an herumzuspringen. Das bringt den Herrn Hund in Wallung, und dann muß ich aufstehen und mit den Hunden raus … Draußen regnet es gleichmäßig auf den Stall hernieder. Ein beruhigendes Geräusch. Wenn draußen nicht schon wieder alles triefte. Außerdem verstärkt es den Drang.
Eingedenk der Mengen an Brot- und Brötchenteigen nebenan in der Küche wälze ich mich schließlich auf die Seite und schaue auf den Wecker. Kurz nach Neun. Jetzt aber …! Der Spitz fängt an rumzuspringen. Das bringt den Herrn Hund in Wallung, auch die Hundedame meint, es sei jetzt mal Zeit aufzustehen; also angle ich nach den Klamotten und trolle mich ins Bad. Vom Schatz noch keinerlei Lebenszeichen. Der arme, erschöpfte Mann braucht seinen Schlaf. Ich ja nicht. Ich bin unzerstörbar.
Und wasserdicht. Im Gegensatz zu Hose und Jacke. Seit drei Tagen regnet es schon wieder fast ohne Unterbrechung, und die Regenpausen zuvor waren auch kaum der Rede wert. Grummelnd stapfe ich mit den Hundetieren durch das widerliche Wetter und frage mich, warum das inkontinente Wolkenpack nicht mal Urlaub über Somalia machen kann. Dort bräuchte man die Regenmassen wesentlich dringender als hier. Auf dem Rückweg fällt mir auf, wie viel Regen in der Nacht tatsächlich gefallen ist – der Reitplatz steht fast komplett unter Wasser, und die Ponies haben nur noch ein paar Inseln auf ihrer Weide. Wir sollten das mit den Pferden aufgeben und vielleicht lieber Enten züchten.
Zurück zu Hause schiebe ich die Hunde ins Haus. Immer noch kein Lebenszeichen vom Schatz. Eigentlich gedachte ich seit einer guten halben Stunde am Backofen zu stehen und Brötchen und Croissants für das Frühstück zu backen. Aber na ja. Und wo ich ja schon mal durchgeweicht bin, kann ich den Rest auch noch erledigen – Zotti mit Medizin versehen und die Hühner füttern und rauslassen. Gut, daß ich Gummistiefel im Stall stehen habe, und gut, daß es inzwischen Stiefel sind und nicht nur Boots. Selbst die Stutenweide weist jetzt kleine Tümpel auf, und dabei liegt sie am höchsten. Zotti bekommt Haue von der frustrierten Dicken, die gern mal wieder mit ihrem Menschen (= der Schatz) zu tun hätte und nun glaubt, Zotti bekäme Leckereien, die ihr zustünden. Und die Hühner sind genauso schnell wieder drin, wie sie ausgeschwärmt waren.
Mittlerweise ist es fast Zehn. Der Schatz ist gerade fertig mit Duschen. Ich ziehe mir was Trockenes an und mache mich ans Backen und Teekochen und setze Hundefutter an. Sohn taucht von irgendwoher auf und beginnt gemächlich, mit dem Schatz zusammen den Frühstückstisch zu decken. Als ich nach einer Weile mit Brötchen und Croissants beladen dazu komme, hat der Schatz sogar den Kaminofen angefeuert. Mitten im Juli.
Im Backofen wird ein Brot nach dem anderen schön braun gebacken, dann noch ein Butterkuchen hinterher. Es duftet im Haus nach Brot und Kuchen und Holzfeuer und frischem Kaffee. Und ich versuche, nicht an die vielen Toten in Norwegen zu denken.
cu ruadh - 25. Jul, 13:54
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Reiterstübchen
Der Schatz ist sehr technikaffin. Und so kam, was kommen mußte:
Schatz: „Schau mal, da gibt es IBlöcke zu einem richtig guten Preis!“
Cu: „Du hast einen Computer!“
Schatz: „Ja … aber ein IBlock! Guck doch mal!“
Cu: „Hast du schon mal ausgerechnet, wie viel Heu wir dafür kriegen?“
Schatz: „…!“
Am Folgetag:
Schatz: „Was ist jetzt mit dem IBlock? Kriege ich einen?“
Cu: „Hast du eine Gehaltserhöhung bekommen, von der ich nichts weiß?“
Dialoge dieser Art wurden ein paar Tage lang geführt.
Schatz: „Und? Was ist jetzt mit meinem IBlock?“
Cu: „Wenn du meinst, du hast das Geld über, dann mach doch.“
Schatz: „??? (Pause) Der Elektronikfachmarkt hat da so eine Kundenkarte, da hätte man ein Konto, und Garantie gibt es da auch … Aber natürlich hast du recht, eigentlich müßte ich die Finger davon lassen …“
Cu: „Also Schatz, wenn du meinst, du kannst ohne IBlock nicht leben, mußt du dir eins kaufen. Wir anderen hungern dann einfach so lange. Und da gerade Ferien sind, brauchen die Kinder ja auch noch nichts anzuziehen.“
Schatz: „- - - … Fährst du dann nachher mit mir zum Elektronikfachmarkt?“
Und seit vorgestern ist der Schatz nun stolzer Besitzer eines Apfel-IBlocks.
cu ruadh - 21. Jul, 14:27
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Reiterstübchen
Der Schatz war am Wochenende eben bei seinen Großeltern, die – dicht an die Hundert herangealtert – sich momentan nicht mehr so bester Gesundheit erfreuen. Insbesondere die Oma kränkelt, will nicht mehr richtig essen, geht nicht mehr aus dem Haus und will nicht alleingelassen werden; und der Opa ist sehr in Sorge. Der Schatz auch, deswegen war er ja da.
Er war sehr aufgewühlt, der Schatz, als er abends wieder zurückkam. Nicht, weil die beiden alten Leute wieder einmal alles ausräumen und weggeben, was sie nicht mehr brauchen; die Oma gibt Sachen weg, so lange ich sie kenne, immer mit den Worten „ich brauch das ja nicht mehr“.
„Es tut mir so leid“, sagte er leise und nahm mich fest in die Arme, „daß ich Dich nicht so lange haben kann wie mein Opa meine Oma hat.“
Dafür haben wir uns zu spät gefunden, mein Liebster. Die beiden alten Leute sind inzwischen mehr als 70 Jahre verheiratet, das werden wir wirklich nicht mehr schaffen. Aber Du wirst mich bei Dir haben, so lange es uns gibt. Versprochen.
cu ruadh - 20. Jul, 09:58
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Privat!
Sonntag. Ruhiges, freundliches Wetter. Cu zieht mit Spaten, Schäufelchen, Schalen und Eimer bewaffnet los in den Gemüsegarten, um ein Mittagessen zu erlegen.
Die Strecke konnte sich sehen lassen: ein halbes Pfund erstklassige Himbeeren, fast ein Pfund schwarze Johannisbeeren, einen guten halben Eimer neue Kartoffeln, die andere Hälfte gefüllt mit Möhren und Zuckerschoten. Die Hühner freuten über jede Menge Möhrengrün, ich mich über die reichhaltige Beute. Und wie wundervoll Möhren beim Ernten riechen!
Das notwendige Putzen ist normalerweise nicht so mein Fall. Dieses Mal hatte es etwas sehr Entspannendes – zum Einen war es das erste selbst geerntete Gemüse des Jahres, zum Anderen riecht es einfach toll, so frisches Zeug zu verarbeiten, und auf dem Balkon war es angenehm zu sitzen.
Mit gebratenen Schnitzeln gereicht, war die erste Ernte ein echter Hochgenuß. Fanden jedenfalls drei Viertel des Peerstall-Personals. Das restliche Viertel verschanzte sich hinter der üblichen Verweigerungshaltung und hätte lieber Kaufgemüse gehabt.
Verstehe ich gar nicht.
cu ruadh - 14. Jul, 10:23
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Reiterstübchen